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2017 11 esskastanie

Der Baum des Jahres 2018 -

1) Die Ess-Kastanie

Der botanische Blick richtet sich 2018 auf eine in Deutschland eher seltene Baumart: Die Ess-Kastanie. Wo sie wächst überrascht Castanea sativa jedoch mit kulinarischer wie praktischer Vielseitigkeit - und nicht zuletzt mit ihrer reizvollen Blütenpracht.
Die Ess-Kastanie – offiziell auch Edel-Kastanie genannt – bekam ihren deutschen Namen erst im 15. Jahrhundert. Er wurde damals vom lateinischen Baumnamen ‚castanea‘ entlehnt, den die Römer wiederum von den Griechen (‚kastana‘) übernommen hatten. Entstanden ist ihr Name aber sicherlich noch deutlich früher im antiken Kleinasien, vermutlich im damaligen Armenien, wo sie ‚kask‘ genannt wurde.

Andere, heute noch vornehmlich in Süddeutschland und im Alpenraum gebräuchliche Namen wie Käste oder Keschde existierten bereits im frühen Mittelalter. Diese gehen ebenfalls auf den lateinischen Namen zurück, direkt übernommen von den römischen Besatzern, die dort – südlich des Limes – über mehrere Jahrhunderte hinweg die Kastanienkultur etabliert hatten.

Die Ess-Kastanie – offiziell auch Edel-Kastanie genannt – bekam ihren deutschen Namen erst im 15. Jahrhundert. Er wurde damals vom lateinischen Baumnamen ‚castanea‘ entlehnt, den die Römer wiederum von den Griechen (‚kastana‘) übernommen hatten. Entstanden ist ihr Name aber sicherlich noch deutlich früher im antiken Kleinasien, vermutlich im damaligen Armenien, wo sie ‚kask‘ genannt wurde. Andere, heute noch vornehmlich in Süddeutschland und im Alpenraum gebräuchliche Namen wie Käste oder Keschde existierten bereits im frühen Mittelalter. Diese gehen ebenfalls auf den lateinischen Namen zurück, direkt übernommen von den römischen Besatzern, die dort – südlich des Limes – über mehrere Jahrhunderte hinweg die Kastanienkultur etabliert hatten.

Mit dieser etymologischen Herleitung ist im Grunde auch schon der zeitliche Verlauf ihrer Kulturgeschichte grob skizziert. Die Ess-Kastanie hat nach neueren genetischen Analysen während  der letzten Eiszeit in mindestens drei von einander isolierten Regionen „überwintert“, und zwar auf der Iberischen und Italischen Halbinsel, im südöstlichen Balkan und nordwestlichen Anatolien sowie im Gebiet südlich des Kaukasus. Dort, im nordöstlichen Teil Anatoliens, begann vermutlich die Kulturgeschichte der Ess-Kastanie. Später waren es dann die Griechen, die die Kultivierung und Veredelung der Ess-Kastanie weiterentwickelten und ihre Erfahrungen dann auch in ihren Kolonien im gesamten Mittelmeerraum verbreiteten. So kam das Knowhow auch ins aufstrebende Römische Reich und mit den Römern letztlich dann nach Mittel- und Westeuropa.

Obwohl außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets, hat die Ess-Kastanie in Südwestdeutschland ausreichend warme Standorte gefunden, auf denen sie sich voll entfalten und wohl auch längerfristig behaupten kann. Auch im übrigen Deutschland und noch weiter nördlich, in Dänemark und Südschweden, ist die Ess-Kastanie anzutreffen. Doch befindet sie sich dort eindeutig außerhalb ihres klimatischen Optimums. Sie kann zwar auch in diesen Regionen zu eindrucksvollen Bäumen heranwachsen, allerdings reifen ihre Früchte hier nur in Jahren, in denen das sommerlich warme Wetter bis in den Herbst hinein anhält. Die Ess-Kastanie wird in diesen Gebieten meist als Garten-, Park- oder Alleebaum, gelegentlich auch als Forstbaum gepflanzt. Vereinzelt wurden auch, wie bei Werningerode im Harz, Fruchtplantagen angelegt.

Die Zahme und die Wilde Kastanie – Exkurs I

Mit diesen Namen wurden die beiden bei uns als Kastanien bezeichneten Baumarten früher unterschieden. Die Zahme, das war die kultivierte, die edle, die mit den wohlschmeckenden Früchten, die süße Ess-Kastanie. Die Wilde dagegen, das war die, deren Samen bestenfalls den Pferden und anderem Vieh schmeckten: die bittere Rosskastanie. Dahinter steckte die Vorstellung, dass es sich hier wohl um zwei nahe verwandte Baumarten handelt, die eine domestiziert, die andere eher naturbelassen.

Doch sie sind überhaupt nicht miteinander verwandt. Schon die Formen ihrer Blätter, ihrer Blüten und ihrer Blütenstände sind grundverschieden – das ist selbst auf den ersten, fachlich nicht geschulten Blick erkennbar. Aber die frappierende Ähnlichkeit ihrer reifen Früchte, diese aus stacheligen Kugeln herausplatzenden, glänzend mahagonibraunen Kastanien, haben diese beiden Baumarten zu scheinbar verwandten Namensvettern gemacht. Doch das Ganze ist eine zufällige, rein äußerliche Parallelität in der Evolution dieser beiden Baumarten. Nur die Früchte der Ess-Kastanie sind – botanisch gesehen – tatsächlich Früchte, genauer: Nuss-Früchte, die zu mehreren von einem stacheligen Fruchtbecher umhüllt werden. Bei der Rosskastanie ist die gesamte grüne Kugel die Frucht, die braunen Kastanien im Inneren sind dagegen lediglich Samenkerne. Die Ess-Kastanie gehört in die Familie der Buchengewächse, ist also nah verwandt mit unseren Eichen und Buchen. Die Rosskastanie dagegen gehört zu den sogenannten Seifenbaumgewächsen, eine ansonsten vorwiegend in den Tropen vorkommende Baumfamilie, zu der hier bei uns auch noch die Ahorne gehören.

ÜBRIGENS: Die Nicht-Zusammengehörigkeit dieser beiden Baumarten wird bereits – zumindest unter Botanikern – in der Schreibweise der Namen deutlich gemacht: Die eigentliche Kastanie, die Ess-Kastanie, wird mit Bindestrich geschrieben. Die Rosskastanie als nur sogenannte Kastanie muss ohne dieses adelnde Interpunktionszeichen auskommen.

2) Historie

Die Römer haben die Ess-Kastanie vor rund 2000 Jahren über die Alpen gebracht. So ist zumindest die gängige Darstellung, wie die Kastanie zu uns nach Deutschland gekommen sein soll. Ganz so wird es wohl nicht gewesen sein. Zum einen gibt es am nördlichen Alpenrand vereinzelte bronzezeitliche Funde von Pollen und Holz der Ess-Kastanie. Zum anderen spricht auch einiges dafür, dass uns die Griechen – zumindest indirekt – die Kastanienbäume schon fast ein halbes Jahrtausend vor den Römern bescherten. Denn in der Region der griechischen Kolonie Massalia, dem heutigen Marseille, wurden schon um 400 vor unserer Zeitrechnung Ess-Kastanien angebaut und gehandelt. Und so könnte sie über die schon seit der Bronzezeit bestehende Handelsroute über das Tal der Rhone und die Burgunder Pforte zu uns nach Süddeutschland gekommen sein.

Mit Sicherheit aber war es das Verdienst der Römer, im besetzten Germanien den Anbau, die Veredlung und Verarbeitung der Ess-Kastanien zu etablieren. Sie hatten zu dieser Zeit bereits Erfahrungen mit der Kultivierung von Ess-Kastanien zur Gewinnung der Früchte und sie kannten die Vorteile des gegen Verrottung erstaunlich resistenten Kastanienholzes im Weinbau. Zu Hause in ihrem Stammland hatten sie daher sowohl Früchte liefernde Kastanienhaine als auch Kastaniengehölze, aus denen sie das Holz für die Rebstöcke, Rankhilfen, Pfähle und Fassdauben holten. Beides – Kastanienkulturen und Weinanbau – hat daher dank der Römer an den Hängen des Oberrheins, der Nahe, der Mosel und der Saar eine rund zweitausendjährige gemeinsame Geschichte, die erst in den letzten 150 Jahren nach und nach zu Ende gegangen ist. Rebstöcke sind heute meist aus Metall, Beton oder Plastik, Fässer aus Stahl oder Kunststoff. Und die Kastanienfrüchte kommen heute größer und billiger vorwiegend aus Italien, Frankreich, Spanien und der Türkei.
 

Mittelalterliche Darstellung Tacuinum
Ess-Kastanie in der Bourgogne, Foto: Rudolf Fenner
Herbst, Foto: A. Roloff
 
 

Die Zahme und die Wilde Kastanie – Exkurs II

Beide, ESS-KKASTANIE und ROSSKASTANIE, sind ursprünglich in Deutschland nicht zu Hause, sondern wurden vom Menschen hierhergebracht. Doch auch in diesem Punkt sind die Unterschiede zwischen beiden Baumarten erheblich:

Die ROSSKASTANIE kam im 16. Jahrhundert im Diplomatengepäck aus Interesse an fremdländischer Botanik nach Mitteleuropa. Sie gilt als echter Neophyt, weil sie erst nach dem Stichjahr 1492, der Entdeckung Amerikas, bei uns aufgetaucht ist. Richtig eingelebt hat sie sich hier nicht. Nur unter der Obhut des Menschen gedeiht sie prächtig in Städten, Dörfern, Parks, Gärten und Alleen.

Die ESS-KASTANIE gilt, da sie ja schon lange vor dem besagten Jahr 1492 bei uns lebte, nicht als Neo-, sondern als sogenannter Archäophyt. Das bedeutet: Sie gilt zwar – weil sie erst durch direkten oder indirektenmenschlichen Einfluß hier Fuß gefasst hat  – nicht als heimische Baum-art, ist aber dennoch – zumindest in Südwestdeutschland – längst in der über Jahrtausende entstandene Kulturlandschaft heimisch geworden. Sie hält sich vielerorts auch langfristig oder sogar dauerhaft, wenn ihre Nutzung und Bewirtschaftung eingestellt wurden.

3) Nutzung


Doch auch wenn Anbau und Bewirtschaftung der Ess-Kastanien bei uns weitgehend aufgegeben wurden – die meisten Bäume blieben stehen, sodass sich die ehemaligen Kulturen auch heute noch vielerorts recht gut in der Landschaft erkennen lassen. Die größten Ess-Kastanienbestände befinden sich im Oberrheingraben am Ostrand des Pfälzerwaldes, der sogenannten Haardt, sowie am Westhang des Schwarzwaldes, vor allem im Ortenaukreis.

Holz und Rinde

Es waren fast ausschließlich Niederwälder, in denen die ausschlagfreudigen Ess-Kastanienbäume etwa alle 15 Jahre „auf den Stock“ gesetzt wurden. Sie dienten vorrangig zur Versorgung der Winzer mit Rebstöcken und standen meist in einem breiten Streifen direkt oberhalb der Weinberge. Bäume, deren Holz für den Hausbau, Fassdauben oder Masten gebraucht wurde, ließ man immerhin doppelt so alt werden. Da Holz und Rinde der Ess-Kastanie einen ungewöhnlich hohen Gehalt an Gerbsäuren haben und auch der Brennwert des Holzes recht hoch ist, wurden in solchen Niederwäldern auch Brennholz und Gerberlohe gewonnen.Heute sind diese aufgegebenen Niederwälder zu einer Art Hochwald ausgewachsen. Die Bäume sind aber aufgrund ihrer Vorgeschichte oft mehrstämmig, neigen dazu, frühzeitig hohl zu werden („Ringschäle“), und haben nur selten holzwirtschaftlich wertvolle, gerade gewachsene Stämme.

 

Abb. links: Borke, Foto: H.J. Arndt  /  Abb. mitte: Möbelstück, Foto: Th. Kellner
Abb. rechts: Holzschale, Foto: Atelier Wallner

 

Selven

Kulturen, die angelegt wurden, um die Früchte der Ess-Kastanien zu gewinnen, waren lockere, offene Bestände aus Bäumen mit meist kurzen Stämmen und breiten Kronen. In diesen sogenannten Selven wuchsen auf junge Ess-Kastanienstämme gepfropfte Sorten, deren Früchte größer und wohlschmeckender waren.
Solche Selven müssen recht erfolgreich und produktiv gewesen sein. Jedenfalls legt das ein Bericht aus dem 16. Jahrhundert nahe, aus dem hervorgeht, dass Kastanienfrüchte aus dem Heidelberger Gebiet über den Rhein bis in die Niederlande und auch nach England verschifft wurden. Bekannt sind auch die Selven nördlich von Frankfurt am Taunushang rund um Kronberg. Hier kaufte alljährlich Mutter Goethe für ihren berühmten Sohn Kastanienfrüchte ein und schickte eine Kiste davon per Postkutsche an seine Familie in Weimar.

Bewirtschaftete Selve in den Cevennen, Foto: R. Fenner

Nicht nur der kulinarische Aspekt der Kastanienfrüchte hatte es Goethe angetan. Dafür spricht zumindest sein Gedicht an seine heimliche Muse Marianne von Willemer aus dem Buch Suleika im West-Östlichen Divan:

An vollen Büschelzweigen, Geliebte, sieh‘ nur hin!
Laß dir die Früchte zeigen, umschalet stachlig grün.

Sie hängen längst geballet, still, unbekannt mit sich,
Ein Ast, der schaukelnd wallet, wiegt sie geduldiglich.

Doch immer reift von Innen und schwillt der braune Kern,
Er möchte Luft gewinnen und säh die Sonne gern.

Die Schale platzt und nieder macht er sich freudig los;
So fallen meine Lieder gehäuft in deinen Schoß

Für Goethe – aber auch für die Frankfurter Bürger – waren diese „Kronberger Keste“ unverzichtbar, wenn es darum ging, die Martinsgans zu füllen.

Viele der heute nicht mehr bewirtschafteten Selven am Taunushang sind noch vorhanden: Kastanienhaine, verdichtet und durchwachsen von jüngeren Ess-Kastanien, dazwischen aber auch noch ab und an einzelne über 300-jährige Zeitzeugen. Auch in den bewaldeten Berghängen hinter dem Heidelberger Schloss stehen noch immer zahlreiche Ess-Kastanien, die während der Blütezeit im Frühsommer schon von Weitem zu sehen sind.


Honig ist ein nicht unwesentliches Nebenprodukt dieser Selven. Die oft in geradezu verschwenderischer Fülle die gesamte Krone überziehenden Blüten der rund 30 Tage lang blühenden Ess-Kastanie sind ausgesprochen nektarreich. Der Honig ist dunkel bernsteinfarben, hat einen sehr aromatischen, leicht herben Geschmack und ist überaus pollenreich.  

Abb. links: Weiblicher Blütenstand Foto: Ralf Kubosch
Abb. mitte: Beides geht: Insekten- und Windbestäubung, Foto: Wolf-Peter Polzin
Abb. rechts: Fruchtstände kurz vor der Reife, Foto: Andreas Roloff

 

Was ist eine Marone?

Als Maronen werden meist die Früchte bestimmter Ess-Kastaniensorten bezeichnet, die besonders groß sind. Oft enthält der stachelige Fruchtbecher solcher Sorten statt üblicherweise drei nur eine einzige Frucht. Deren braune Schalen sind in der Regel heller, oft auch hell und dunkel gestreift. Ein ganz wichtiges Kriterium ist auch, dass die geschmacklich störende innere Samenhaut nicht in die Spalten des Kerns eingewachsen ist. Sie läßt sich daher leicht entfernen. Der Begriff Marone wird allerdings nicht in allen Herkunftsländern einheitlich benutzt.

Abb. Reifer Fruchtstand mit Nussfrüchten
(Foto: Benjamin Gimmel)

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